{"id":3193,"date":"2022-08-25T17:00:34","date_gmt":"2022-08-25T15:00:34","guid":{"rendered":"https:\/\/wwwneu.salonhosting.net\/?p=3193"},"modified":"2022-08-25T18:21:00","modified_gmt":"2022-08-25T16:21:00","slug":"wandlung-durch-teilhabe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wwwneu.salonhosting.net\/?p=3193","title":{"rendered":"Wandlung durch Teilhabe"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ursula, was ist deine Aufgabe in der Euro\u00adp\u00e4ischen Kommission?<\/strong><br \/>\nIch arbeite dort im Generalsekretariat \u2013 in diesem Interview spreche ich allerdings nur f\u00fcr mich! Dort werden die Regeln und die Koordination f\u00fcr die ganze Kommission bestimmt, beispielsweise f\u00fcr die Managementpl\u00e4ne, die der obersten F\u00fchrungsebene \u00adeinen \u00dcberblick vermitteln. Diese Pl\u00e4ne sind \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich. In Trainings helfe ich meinen Kolleginnen und Kollegen dabei, politische Ziele auf organisatorische Ziele herunterzubrechen.<\/p>\n<p><strong>Hast du ein Bild, mit dem du die Euro\u00adp\u00e4ische Kommission vergleichen kannst?<\/strong><br \/>\nOft kommt sie mir vor wie ein gro\u00dfes Boot mit vielen Maschinenr\u00e4umen, in denen eine gro\u00dfe Besatzung am Werk ist. Die Kommission ist eine hierarchische Organisation mit klaren F\u00fchrungslinien, die vorgeben, wer an wen berichtet und wem befiehlt, so dass nicht st\u00e4ndig ausgehandelt werden muss, wer wof\u00fcr zust\u00e4ndig ist. F\u00fcr gewisse Dinge ist B\u00fcrokratie durchaus sinnvoll. Mir scheint es jedoch wichtig, rechtzeitig zu erkennen, f\u00fcr welche Bereiche ein anderes Betriebssystem ben\u00f6tigt wird.<\/p>\n<p><strong>Was sollte sich deiner Meinung nach in der Europ\u00e4ischen Kommission ver\u00e4ndern, und wie tr\u00e4gst du dazu bei?<\/strong><br \/>\nF\u00fcr Routineaufgaben ist ein Kontrollsystem praktisch, in dem mir gr\u00fcne und rote Lichter sagen, was richtig oder falsch ist. Will ich aber innovativ sein und Verbindungen zwischen Menschen f\u00f6rdern, muss ich innerhalb des Systems Freir\u00e4ume schaffen.<br \/>\nIm Jahr 2006 bin ich auf \u00bbArt of \u00adHosting\u00ab gesto\u00dfen \u2013 \u00bbdie Kunst des Gast\u00adgebens\u00ab \u2013, eine Sammlung von Methoden, mit denen sich m\u00f6glichst viele Menschen in Entscheidungsfindung und Erfahrungsaustausch einbinden lassen. 2007 habe ich zum ersten Treffen einer \u00bbLern\u00adgemein\u00adschaft\u00ab von Menschen aus dem Arbeitsfeld \u00bbstrategische Planung\u00ab aus der gesamten Kommission eingeladen, um mit Wegen von Art of Hosting zu experimentieren. Das erste Mal sa\u00dfen 40 Kommissionsmitarbeiter mit Krawatte oder Seidenkleid im Stuhlkreis. Ihre Arbeitsweise als Strategen zu verbessern, war das gemeinsame Thema. Wir verwendeten einen Redestab, der mit der Frage \u00bbWarum bin ich heute hier?\u00ab die Runde machte. In der Fachsprache des Art of Hosting hei\u00dft dieses Ritual \u00bbCheck-in\u00ab. Alle werden damit als ganze Menschen mit ihrer eigenen Meinung willkommen gehei\u00dfen. Solche Begegnungen f\u00fchren aus dem \u00bbMaschinenbild\u00ab der festen Vorstellung, wie ich mich bei der Arbeit zu verhalten habe, heraus. Sie schaffen Vertrauensr\u00e4ume, die Abweichungen von der Norm erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p><strong>Ich kann mir vorstellen, dass das befremdlich wirken kann. Welche Reaktionen gab es, und wie bist du mit ihnen umgegangen?<\/strong><br \/>\nF\u00fcr manche war das sehr gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig, denn normalerweise wird im Verwaltungsumfeld selten gefragt \u00bbWarum bist du hier?\u00ab. Stattdessen gibt es viele unausgesprochene Annahmen: \u00bbIch bin hier, weil das zum Job geh\u00f6rt oder weil mich der Chef schickt.\u00ab Beim Antworten auf diese unkonventionelle Frage wurde deutlich: Authentizit\u00e4t ist ansteckend! Da kamen Aussagen wie: \u00bbIch habe noch nie nachgedacht, warum ich zu den Sitzungen gehe! Was will ich denn beitragen?\u00ab Es geschieht etwas Besonderes, wenn sich Menschen bewusst auf freiwilliger Basis treffen. In selbstorganisierten Kleingruppen haben wir bei unserer ersten Runde an Kaffeetischen dar\u00fcber gesprochen, wie sich die Wirkung gesetzlicher Eingriffe besser messen l\u00e4sst. Ein Teilnehmer hat anschlie\u00dfend gesagt: \u00bbIch habe hier von meinen Kollegen in zwei Stunden mehr gelernt als in drei Tagen Seminar.\u00ab<\/p>\n<p><strong>Was macht f\u00fcr dich die Qualit\u00e4t gemein\u00adsamer, konstruktiver Gespr\u00e4che aus?<\/strong><br \/>\nNormalerweise finden solche Gespr\u00e4che auf dem Flur oder in den Kaffeepausen statt. Gemeinsam ehrliche und sinnvolle Gespr\u00e4che zu f\u00fchren, st\u00e4rkt die pers\u00f6nliche Sinnfindung. Sinnvolle Arbeit gibt mir die Energie, Berge zu versetzen. Der Aha-Moment, in dem ich begreife, dass ich selbst eine Ver\u00e4nderungskraft habe, ist sehr wichtig. Wenn wir anschlie\u00dfend kollektiv alle an einem Strang ziehen \u2013 dann passiert etwas!<\/p>\n<p><strong>Bringt das dann Lebendigkeit in die B\u00fcrokratie zur\u00fcck?<\/strong><br \/>\nVor den Prozessen mit dem Art of Hosting haben wir uns als Arbeitsgruppe nur alle zwei Monate in einem sterilen Rahmen getroffen, um Tagesordnungspunkte abzuarbeiten. Neben dieser alten Struktur haben wir langsam eine neue Kommunikationsweise gefunden. Bereits nach unserem dritten Treffen im neuen Format war durch das Vertrauen zueinander ein gemein\u00adsamer Bezugsraum entstanden, in dem wir wertvolle Erkenntnisse aus unserem Arbeitsumfeld austauschen konnten. Die formellen Sitzungen gingen weiter und gewannen an Qualit\u00e4t. Die Beteiligten haben auch die Art-of-Hosting-Methoden in ihre Abteilungen mitgenommen, sie dort angewendet und weitervermittelt. Alle Weiterbildungen in meinem Bereich wurden mit der Zeit auf partizipative Formate umgestellt \u2013 niemand wollte sich mehr berieseln lassen.<\/p>\n<p><strong>Was sind weitere Regeln des Miteinander-seins, die du in deiner Arbeit entwickelst?<\/strong><br \/>\nEs ist wichtig, sich Zeit f\u00fcr Verlangsamung zu nehmen. Anstatt durch die Tagesordnung zu hecheln, kann die Agenda von den Teilnehmern selbst geplant werden. Oft hat mich mein Chef gefragt \u00bbWie k\u00f6nnt ihr sieben Themen gleichzeitig bearbeiten, die alle so tief sind?\u00ab. Wir haben eben in Kleingruppen zusammengesessen, und die Beteiligten gingen spontan dorthin, wo sie beitragen oder lernen konnten. Manchmal kamen aus dem Moment heraus neue Themen auf. Spontaneit\u00e4t auch in der Arbeit zu leben, braucht Mut, weil wir von einem risikoscheuen und teilweise angstbesetzten F\u00fchrungsstil gepr\u00e4gt sind. Offenzulassen, was ich bespreche, war fr\u00fcher noch undenkbar.<\/p>\n<p><strong>Das klingt, als habe sich die Hierarchie bei euch abgebaut?<\/strong><br \/>\nDas Generalsekretariat hat nach wie vor die Autorit\u00e4t, f\u00fcr die anderen Abteilungen die Antworten bereit zu halten, wie interne Prozesse zu regeln sind. Aber wir haben inzwischen in einigen Bereichen den Spie\u00df umgedreht und sagen: \u00bbDie besten Antworten k\u00f6nnt ihr euch selbst gegenseitig aus eurer Erfahrung heraus geben.\u00ab Unsere Abteilung \u00e4ndert sich so St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck vom Chef zum Gastgeber. Im \u00bbKontrollmodus\u00ab will ich alles gleichschalten. Wenn ich mich stattdessen auf \u00bbH\u00f6ren\u00ab konzentriere, erkenne ich zum Beispiel, wo es ein gemeinsames Vielfaches gibt und wo hingegen bunte Verschiedenheit gut ist. Wir k\u00f6nnen durch Zuh\u00f6ren bessere Dienstleister sein und Regeln besser an die Gegebenheiten anpassen.<\/p>\n<p><strong>Wie verankerst du diese neuen Arbeits\u00adans\u00e4tze im Alltag der B\u00fcrokratie?<\/strong><br \/>\nF\u00fcr mich war es wichtig, dass die Ergebnisse der partizipativen Prozesse nicht im Papierkorb landen. Nach dem ersten Jahr der Art-of-Hosting-Treffen haben wir einiges umsetzen k\u00f6nnen. Wir wurden von der obersten F\u00fchrungsebene um Verbesserungsvorschl\u00e4ge f\u00fcr den allgemeinen Managementprozess in der Kommission gebeten. Daraufhin haben wir uns in einer kleinen Gruppe jede Woche getroffen\u2009\u2013 von der Abteilungsleiterin bis zum Neuling waren alle dabei. Unsere Vorschl\u00e4ge zum Entschlacken interner Prozesse sollten schlie\u00dflich den Gremien der Kommission vorgestellt werden. Mein Chef sagte: \u00bbJetzt brauchst du Power-Point-Pr\u00e4sentationen, um beim \u203aDirektor Sowieso\u2039 vorstellig zu werden.\u00ab Und ich meinte: \u00bbNein, wir werden das als Gruppe pr\u00e4sentieren. Das ist nicht mein Ergebnis, wir haben das gemeinsam entwickelt.\u00ab In dieser Pr\u00e4sentation war ich freudig \u00fcberrascht, zu sehen, wieviel aktives Zuh\u00f6ren wir bekommen haben. An beiden Enden des Tischs waren riesengro\u00dfe Ohren, Neugier und Wertsch\u00e4tzung. Dieser Direktor war tief beeindruckt, er schrieb eine E-Mail an unsere oberste Beamtin: \u00bbDie Leute musst du h\u00f6ren, so etwas von unpr\u00e4tenti\u00f6s. Noch nie geh\u00f6rt! Noch nie gesehen! Bitte nimm dir Zeit daf\u00fcr.\u00ab Wir konnten unsere Ideen damit auf oberster Ebene pr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p><strong>Hatte diese neue Art des Arbeitens auch \u00adAuswirkungen auf die Inhalte von politischen Entscheidungen?<\/strong><br \/>\nDiese neue Methodik wurde mit den Jahren auch in vielen anderen Abteilungen der Kommission eingef\u00fchrt. Dar\u00fcber hinaus l\u00e4sst sich ein gewisser viraler Effekt beobachten, wenn ehemalige Teilnehmer der Treffen zu Abteilungen in andere Politikbereiche wechseln. Die Antwort auf deine Frage hei\u00dft \u00bbabwarten\u00ab. Partizipative Methoden bewirken letztlich in allen T\u00e4tigkeitsfeldern Prozesse in Richtung Sinnhaftigkeit und Gemeinwohl.<\/p>\n<p><strong>Ich habe noch eine kritische Frage, Ursula. Inwiefern ist diese Arbeit ein Wohlf\u00fchlpflaster auf der Wunde eines dysfunktionalen Systems? Was gibt es noch zu tun?<\/strong><br \/>\nIn einem dysfunktionalen System ist Wohlf\u00fchlen eine Voraussetzung, um etwas heilen zu k\u00f6nnen. Menschliche Ergebnisse entstehen, wenn Menschen sich authentisch treffen und sich zu Hause f\u00fchlen. Ich sage mir: \u00bbMach das Ziel so weit, wie deine Arme reichen.\u00ab Ich muss authentisch sein und Mut haben, Grundsatzfragen zu stellen, ansonsten bleibt das, was ich tue, ein Trostpflaster. Um Neues in die Welt zu bringen, halte ich es f\u00fcr sinnvoll, nicht die Wurzel des Falschen auszurotten, sondern neuen Samen im alten System auszus\u00e4en. Daraus wachsen die Freir\u00e4ume, und mit der Zeit etablieren sie sich. Wer wei\u00df, was dann passiert?<\/p>\n<p><strong>Was macht dir in diesen Ver\u00e4nderungs\u00adprozessen Mut?<\/strong><br \/>\nEs macht Mut, dass wir nicht alleine sind. Je mehr ich mich \u00f6ffne, desto mehr Menschen treffe ich, die etwas ver\u00e4ndern wollen. Wir sind 1200 Kolleginnen und Kollegen, verstreut \u00fcber die ganze Kommission, die partizipative Methoden kennen, und viele von ihnen wenden sie an, um mehr Lebendigkeit und Sinn in die Arbeit zu bringen. In einer Organisation von 40\u2009000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern muss man Allianzen finden. Einer Studie zufolge ist der Wandel nicht mehr aufzuhalten, wenn 10 Prozent eines Systems neu organisiert sind. Wenn bei uns also 4000 Menschen gemeinsam auf neue Weise arbeiten, k\u00f6nnen wir das System von innen heraus \u00e4ndern. Wir sind jedoch kein abgeschlossenes System. Wir sind in Verbindung mit all den Menschen in den Mitgliedsstaaten.<\/p>\n<p><strong>Was f\u00fcr ein Europa w\u00fcnschst du dir \u00adpers\u00f6nlich?<\/strong><br \/>\nIch w\u00fcnsche mir ein lebendiges Europa, das schnell, flexibel und offen agiert, das von Menschen beseelt ist, die an das glauben, was sie tun, das von Toleranz und Co-Krea\u00adtion gepr\u00e4gt ist. Mein gr\u00f6\u00dfter Wunsch ist, dass wir st\u00e4rker Grundsatzfragen stellen. Warum sind wir Europa? In einer gro\u00dfen Gemeinschaft dominiert oft die Angst, den eigenen Standpunkt aufgeben zu m\u00fcssen. Aber das ist nicht notwendig: Wir brauchen Strukturen, in der alle Stimmen Geh\u00f6r finden und etwas Gemeinsames entstehen lassen. So ein Europa w\u00fcnsche ich mir.<\/p>\n<hr \/>\n<p><em>Ursula Hillbrand (49) ist Juristin und arbeitet im \u00bbCorporate Management\u00ab im Generalsekretariat in der Europ\u00e4ischen Kommission. Seit 2007 wendet sie Prinzipien partizipativer F\u00fchrung an.<\/em><\/p>\n<p><em>Jara von L\u00fcpke (25) ist selbst\u00e4ndige Prozessbegleiterin und Projektleiterin in D\u00e4nemark. Sie begeistert sich f\u00fcr die partizipative Gestaltung \u00f6ffentlichen Raums.<\/em><\/p>\n<p><em>Mehr \u00fcber die Kunst des Gastgebens lernen:<\/em><br \/>\n<em>www.artofhosting.org\/de<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ursula, was ist deine Aufgabe in der Euro\u00adp\u00e4ischen Kommission? Ich arbeite dort im Generalsekretariat \u2013 in diesem Interview spreche ich allerdings nur f\u00fcr mich! Dort werden die Regeln und die Koordination f\u00fcr die ganze Kommission bestimmt, beispielsweise f\u00fcr die Managementpl\u00e4ne, die der obersten F\u00fchrungsebene \u00adeinen \u00dcberblick vermitteln. Diese Pl\u00e4ne sind \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich. 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